
Pater Anselm Grün
Es ist ein Gegensatz zwischen den beiden Polen: Engagement und Loslassen. Wenn ich mich für etwas engagiere, dann will ich dafür kämpfen und etwas erreichen. Loslassen meint eher das Gegenteil. Doch in Wirklichkeit ergänzen sich beide Pole. Wenn ich gewaltsam etwas erreichen will, dann verfälsche ich oft das Ziel meines Engagements. Wenn zuviel Ego drin ist, dann tut mein Engagement den Menschen nicht gut. So möchte ich diese beiden Pole von der Bibel her anschauen.
In der Bibel beschreibt uns vor allem der Evangelist Lukas, dass Jesus selbst ein alternatives Friedensprogramm darstellt gegenüber dem Friedenskaiser Augustus, der im römischen Reich den Frieden mit Waffengewalt durchgesetzt hat. Jesus setzt auf den Frieden, der durch die Ohnmacht der Liebe entsteht. Doch diese Ohnmacht der Liebe erweist sich auf Dauer als wirksamer als ein Friede, der mit Gewalt erkämpft wird. Jesus sendet seine Jünger aus, den Menschen den Frieden zu verkünden. So sagt er in der Aussendungsrede: „Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren.“ (Lk 10,5f) Jesus sendet seine Jünger als Boten des Friedens. Aber er entlastet sie von allem Leistungsdruck, dass ihr Friedensangebot auch Erfolg haben muss. In der Bergpredigt preist er die selig, die Frieden schaffen. (Mt 5,9)
Jede Kultur und jede Sprache hat andere Erfahrungen mit dem Frieden gemacht. Das hebräische Wort für Frieden „Shalom“ bedeutet alles, was Gott dem Menschen schenkt, damit sein Leben gelingt: Fülle des Lebens, Wohlbefinden, Glück, Zufriedenheit. Der Mensch ist im Frieden, wenn er dankbar annimmt, was Gott ihm in seiner Schöpfung geschenkt hat, und wenn er sich dieser Schöpfung einfügt. Die Griechen sprechen von „eirene“ und meinen damit den Wohlstand, aber vor allem auch die Ruhe, die Seelenruhe. Frieden bedeutet, dass einer in sich Ruhe findet. Nach Ruhe sehnen wir uns heute alle. Doch sobald es um uns herum still ist, geraten wir in Panik und verstellen die Ruhe mit tausend Aktivitäten. Jesus sagt: „Die Wahrheit wird euch freimachen.“ (Joh 8,37) Nur wer den Mut hat, sich seiner Wahrheit zu stellen, wird inneren Frieden finden. Auch in Israel hat die innere Ruhe eine wichtige Bedeutung. Wir haben teil an der Sabbatruhe Gottes, aber eben nur, wenn wir mit Gott sagen können: „Er sah, dass alles gut war“. Nur wenn wir in uns bejahen, was ist, können wir Ruhe finden. Das verlangt, dass wir aufhören uns zu bewerten und beurteilen. Es darf sein, wie es ist.
Die Lateiner sprechen von „pax“. Es kommt von pacisci, Verhandlungen führen, einen Vertrag schließen. Friede entsteht für die Römer, indem wir miteinander sprechen und uns auf gemeinsame Regeln einigen. Das verlangt, dass ich den andern mit seinem Standpunkt gelten lasse. Im Gespräch miteinander kommen wir zu einem Frieden, zu einem Zustand, in dem jeder er selbst sein darf und zugleich den andern mit seinen Wünschen akzeptiert. Aus den verschiedenen Wünschen und Bedürfnissen entsteht ein Vertrag, an den sich alle halten und mit dem alle in Frieden leben können.
Das deutsche Wort „Frieden“ hat mit „frei“ zu tun. „Frei“ bedeutet von der indogermanischen Wurzel her: „Schützen, schonen, gern haben lieben“. Die freien Personen sind die, die man liebt und schützt. Es sind die Freunde, um die man einen Schutzwall errichtet, die man befriedet. Friede ist ein geschützter Bereich, in dem sich freie Menschen aufhalten und miteinander freundschaftlich umgehen. Friede braucht Schutz. Kein Eindringling darf ihn stören.
Jedes Volk hat seine Erfahrungen mit dem Frieden gemacht. Die Christen sind von Jesus in die Welt gesandt, Frieden zu schaffen, sich für den Frieden zu engagieren. Das wird nicht ohne Kampf abgehen, so wie es uns Martin Luther King in USA oder Gandhi in Indien gezeigt haben. Beide haben sich mit ihrer ganzen Existenz für den Frieden eingesetzt. Aber beide haben auch ihr Ego dabei losgelassen.
Das andere biblische Wort für Frieden ist Versöhnung. Paulus spricht im 2. Korintherbrief davon, dass Gott uns den Dienst der Versöhnung übertragen hat. Die Versöhnung fängt bei uns selbst an. Wir sollen daran glauben, dass wir bedingungslos von Gott geliebt sind. Und wir haben die Aufgabe, uns mit uns selbst zu versöhnen. Im Griechischen heißt Versöhnung: „katallage“, das bedeutet: anders machen, etwas verwandeln. Der alte erstarrte Zustand der Feindschaft soll verwandelt werden in einen Zustand der Versöhnung und des Miteinanders. Das lateinische Wort „reconciliatio“ meint: wir sollen wieder zurückkommen zur Versammlung und zum Gespräch. Wir sollen den Abbruch des Gespräches beenden und wieder neu beginnen, miteinander ins Gespräch und so zu einer Lösung zu kommen. Das deutsche Wort „Versöhnung“ kommt von „versuenen“. Das bedeutet: zärtlich umgehen, küssen. Ich gehe zärtlich um mit dem, mit dem ich mich versöhne. Vor allem aber muss ich mich zuerst einmal mit mir selbst versöhnen. Anstatt gegen mich zu wüten soll ich zärtlich mit mir umgehen. Ich soll mich aussöhnen mit meiner Lebensgeschichte, mit den Verletzungen, die ich mitbekommen habe, mit der Enge der Erziehung, mit meiner konkreten Situation, in der ich groß geworden bin. Und ich soll mich versöhnen mit meinem Leib. Das ist nicht so einfach, wenn der Leib nicht den Normen heutiger Mode entspricht.
Nur wer mit sich versöhnt ist, kann versöhnend wirken. Wer in sich gespalten ist, wird die Umgebung um sich herum spalten, auch wenn er noch so hohe Friedensideale hat. Es ist die Gefahr, dass wir in unserem Engagement unsere eigene Wirklichkeit überspringen. Wir identifizieren uns mit dem Ideal des Friedensbringers und vergessen all die Bereiche in uns, mit denen wir unversöhnt zusammen leben. Doch wer in sich gespalten ist, wird auch die Menschen um sich herum spalten. Ich kenne in Firmen Abteilungsleiter, die jede Abteilung nach kurzer Zeit spalten, weil sie eben in sich selbst gespalten sind.
Versöhnung beginnt bei der Sprache. In der Bibel sagt die Magd zu Petrus: „Deine Sprache verrät dich ja.“ Das gilt nicht nur vom Dialekt, sondern von der Art und Weise, wie wir sprechen. Wir sollten uns genau beobachten, ob unsere Sprache bewertet, beurteilt, verurteilt, ob in unseren Worten immer ein versteckter Vorwurf ist, oder unbewusste Menschenverachtung zum Ausdruck kommt. Es geht aber nicht nur darum, auf die Wortwahl zu achten, um zu spüren, ob von meiner Sprache Versöhnung und Frieden ausgehen oder Spaltung und Verurteilung.
Der Evangelist Lukas hat eine wunderbare Sprache gesprochen, die die Leser berührt. Und von der Sprache Jesu sagt er: „Brannte nicht unser Herz, als er unterwegs mit uns redete.“ Jesus spricht offensichtlich so, dass es den Jüngern warm wird ums Herz. Ich erlebe in vielen Firmen eine kalte Sprache. Eine kalte Sprache spaltet immer. Eine Frau erzählte mir, sie habe bei einer Podiumsdiskussion richtig gefroren, als ihr Vorredner etwas sagte. Eine kalte Sprache führt dazu, dass sich die Menschen verschließen. Denn keiner will sich an meiner Kälte erkälten. Lukas beschreibt uns Pfingsten als Sprachereignis. Der Heilige Geist kommt in Feuerzungen herab. Das heißt, dass die Jünger eine Sprache sprechen, in der ein Funke überspringt, eine wärmende Sprache, die die Herzen der Zuhörer öffnen und zueinander führen. Viele Menschen sind heute ausgebrannt. Auch wenn sie noch intelligente Worte sprechen, klingen sie hohl, weil sie wie aus einem leeren Kanister klingen. Wir müssen die innere Glut des Heiligen Geistes, die Glut der Liebe in uns schützen, damit unser Sprechen aus dem Herzen kommt und die Herzen der Menschen wärmt und öffnet für den Frieden und für die Liebe.
Die Alten sprechen vom Haus des Wortes. Für mich ist es wichtig, mit Worten ein Haus zu bauen, in dem Menschen sich zuhause fühlen, in dem sie sich nicht zu etwas gedrängt fühlen, oder sich gar beurteilt wissen. Sie dürfen in diesem Hause wohnen. Sie werden vom Wort berührt, das ihr Herz öffnet für die Liebe und für den Frieden.
Versöhnung und Frieden zu stiften, verlangt also zuerst, dass wir mit uns in Frieden kommen und uns mit uns selbst versöhnen. Das führt uns zum zweiten Pol: dem des Loslassens.
Alle Religionen verkünden uns, dass wir vom Ego frei werden müssen. Das gilt vor allem für unsere Beziehung zu Gott. Wenn wir unser Ego nicht loslassen, dann wollen wir Gott vereinnahmen. Gott ist aber immer unverfügbar. Er ist größer als wir selbst. Wir müssen ihn anbeten und dürfen ihn nicht für uns benutzen.
Jesus hat diese Weisheit aller Religionen in die Worte gekleidet, mit denen sich viele heute schwer tun: „Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Lk 9,23) Sich selbst verleugnen heißt nicht, sich verbiegen oder sich klein machen. Vielmehr bedeutet es: nein zu sagen zu den vereinnahmenden Tendenzen des Ego, Distanz gewinnen zum Ego, frei zu werden von der versklavenden Macht des Ego. C.G. Jung, der Schweizer Therapeut, spricht vom Ego und vom Selbst. Das Ich setzt er in der Brustmitte an. ES ist der bewusste Personkern. Das Ego will imponieren, will sich groß darstellen vor andern. Das Selbst ist der innerste Personkern. Zu ihm kommen wir nur, wenn wir Gott in uns Raum geben.
Wenn wir unser Engagement nur aus dem Ego heraus vollziehen, wird es den Menschen eher schaden. Da geht es nur um uns und nicht um den Dienst an den Menschen. Man merkt es einem an, ob er sich selbst zelebriert oder ob er durchlässig ist für etwas Größeres. Man spürt es dem Engagement für den Frieden an, ob es uns wirklich um den Frieden zwischen den Menschen geht, oder um unser eigenes Projekt, um die eigene Profilierung. Bei allem Tun müssen wir immer wieder loslassen, damit unser Tun zum Segen für die Menschen wird.
Doch beide Pole brauchen einander. Loslassen heißt nicht, dass ich mich von der Welt zurückziehe und nichts tue. Es bedeutet vielmehr, dass mein Helfen ichlos wird, dass es aus der Mitte kommt und wirklich den Menschen meint. Jesus preist die selig, die arm sind im Geiste. Damit spricht er die Kunst des inneren Loslassens an. Arm im Geist ist der, der sich selbst nicht bereichern will, weder mit Gütern, noch mit Ruhm, noch mit Ansehen, noch mit spirituellem Sich-höher-Stellen.
Ein Ort, an dem wir das Loslassen einüben können, ist das Atmen. In den siebziger Jahren war ich öfter bei Graf Dürckheim, der Zen-Meditation mit Jungscher Psychologie verbunden hat. Er meinte, das Wichtigste beim Atem sei der Augenblick zwischen Ausatmen und Einatmen. Da entscheide es sich, ob einer an sich selber festhalte oder ob er sich in Gott hinein loslasse. Er nennt das den Augenblick des Sterbens. Da stirbt das Ich und der Mensch wird offen für den Atem, der von selbst in ihn einströmen möchte.
Sich loslassen heißt durchlässig sein für etwas Größeres. Johannes spricht in seinem Evangelium von der Quelle des Heiligen Geistes, für die wir durchlässig sein sollen. Wenn wir aus dieser Quelle heraus schöpfen, dann sind wir in unserem Engagement nicht so leicht erschöpft. Denn die göttliche Quelle ist unerschöpflich. Doch oft schöpfen wir aus trüben Quellen, aus der trüben Quelle des Ehrgeizes, des Perfektionismus, des Sich-Beweisenmüssens. Ein Mitarbeiter einer großen Firma erzählte mir von seinem Abteilungsleiter, der vierzehn Stunden am Tag arbeitete. Aber die Abteilung war die unzufriedenste im ganzen Gelände. Er hat nicht aus der Quelle des Hl. Geistes gearbeitet oder aus der Quelle göttlicher Energie, sondern aus der trüben Quelle der Nicht-Angreifbarkeit. Er hat sich hinter der Arbeit versteckt, damit niemand ihn kritisieren könne. Wenn mein Engagement für den Frieden aus solchen trüben Quellen schöpft, dann wird es eher Aggressivität um sich herum erzeugen.
Mir erzählte ein junger Mann, der sich leidenschaftlich für den Frieden und für die Umwelt einsetzte, er werde immer unleidlicher, härter und unbarmherziger. Er sehnte sich nach der inneren Quelle des Friedens, aus der er schöpfen konnte.
Wenn wir aus der inneren Quelle des Heiligen Geistes schöpfen, hat es fünf Wirkungen. Die Quelle erfrischt. Wir finden neue Ideen. Wir trauen unserer Intuition und finden Wege zum Frieden. Die Quelle heilt. Wenn wir aus der Quelle heraus wirken, wirken wir heilend auf die Zerrissenheit der Menschen. Die Quelle stärkt. Sie gibt uns genügend Kraft, ohne dass wir erschöpft werden. Sie befruchtet. Wer aus dieser Quelle schöpft, um den herum blüht etwas auf, da entstehen Friedensgruppen, da entstehen Gesprächsgruppen. Da entsteht Versöhnung. Und die Quelle reinigt. Das ist für mich eine wichtige Erfahrung. In unserem Engagement für den Frieden werden wir immer auch enttäuscht. Da werden wir leicht bitter. Oder wir lassen uns von negativen Emotionen der andern beeinflussen und geben sie weiter und tragen so zur emotionalen Umweltverschmutzung bei. Für mich ist es wichtig, den Ärger und die verschmutzten Emotionen immer wieder in der Meditation zu reinigen. Ich spreche das Jesusgebet hinein: „Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.“ Das reinigt meine Emotionen, damit von mir Klarheit und Frieden ausgehen.
Die Quelle des Hl. Geistes ist zugleich die Quelle der Liebe. Johannes sagt im ersten Brief: „Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“ (Joh 4,16) Jeder Mensch sehnt sich danach, zu lieben, zu geliebt zu werden. Doch die Erfüllung dieser Sehnsucht wird uns keiner bringen, der uns satt liebt. Jede große Liebe führt uns vielmehr zu der Erfahrung, dass wir Liebe sind. Eine Frau erzählte mir, dass sie nach der Meditation einfach Liebe war. Die Liebe durchdrang ihren Leib, ihr Zimmer, die Pflanzen, ihre Katze. Alles war Liebe geworden. Dadurch bekam alles einen anderen Geschmack. Von manchen alten Menschen sagen wir, dass von ihnen Liebe ausgehe. Ich war am Berg Athos. Ein alter Gastpater, der kein Wort deutsch konnte, begrüßte mich. Seine Hände waren Liebe. Von einem jüdischen Rabbi erzählte man, dass man zu ihm nicht kam, um seine Lehre zu hören, sondern um zuzusehen, wie er seine Schuhe schnürte. In der Art, wie er die Schuhe schnürte, sah man, dass er Liebe war.
Wir müssen die Liebe nicht aus uns heraus pressen. In uns ist eine Quelle von Liebe, aus der wir schöpfen können. Aber wir kommen nur in Berührung mit dieser unerschöpflichen Quelle der Liebe in uns, wenn wir das eigene Ego loslassen. Dann geht es nicht mehr darum, dass wir den Menschen imponieren, sondern dass wir durchlässig werden für die Liebe, die größer ist als wir.
So wünsche ich Ihnen, dass Sie in Ihrem Engagement für den Frieden und für die Versöhnung immer aus dieser inneren Quelle des Hl. Geistes schöpfen können, damit Sie nie erschöpft werden. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie in sich immer die göttliche Quelle der Liebe spüren, damit Sie in Ihrem Einsatz für die Versöhnung nicht enttäuscht und verbittert werden, sondern immer dieser Quelle spüren, aus der Sie trinken können, damit Sie selbst von Liebe erfüllt werden und damit diese Liebe durch Sie hindurchströmt zu allen Menschen.