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Die Rückkehr der Religionen–
Fundamentalismus oder Spiritualität ?

Oliver Petersen

Derzeit geht das Wort von der “Rückkehr der Religionen“ durch die Medien. Im Gegensatz zu der Vermutung, Religion würde in den modernen Industriestaaten langsam aussterben, kommt nun selbst die Politik nicht darum herum sich mit diesem Trend auseinander zu setzen. Er zeigt sich in der einflussreichen Bewegung der Evangelikalen in den USA ebenso wie in der unverwarteten Anteilnahme auch junger Leute an dem Ableben des Papstes. Die Auseinandersetzung mit dem Islamismus gehört zu diesem Thema genauso dazu wie das Interesse an östlicher Spiritualität im Westen.

 

An diesen Beispielen zeigt sich auch die Doppelgesichtigkeit dieses Prozesses. Zweifellos kann ein allein nur wissenschaftlich-ökonomisch ausgerichtetes Weltbild keine tragenden Werte vermitteln, die jede menschliche Gesellschaft braucht. Der Dalai Lama sagt dazu: „Je stärker wir nach materiellen Verbesserungen streben und dabei die Zufriedenheit vernachlässigen, die aus innerem Wachstum kommt, desto rascher werden ethische Werte aus unseren Gemeinschaften verschwinden.“ Deshalb tritt er für die Ergänzung des modernen Lebens durch spirituelle Praxis und Werte ein. Die Kapitalismuskritik und Wertedebatte dieser Tage sind Spiegelungen dieser Problematik. Was die gesellschaftliche Entwicklung des Westens in diesem spirituellen Vakuum aber eher gefährdet, ist eine Rückkehr zu irrationalen, dogmatischen Religionsformen, die im wesentlichen mythologisch geprägt sind und sich gegen wissenschaftliche Einsichten sperren. Das wäre ein Rückschritt in der Entwicklung der modernen Welt hinter die Errungenschaften der Aufklärung, der viele Gefahren mit sich bringt.

 

Anhand der Reaktionen einiger Religionsvertreter auf den Tsunami waren solche regressiven Tendenzen deutlich zu beobachten. Schnell waren die Fundamentalisten zur Stelle, die darin eine Strafe Gottes und die Vorboten des nahen Weltuntergangs zu erblicken meinten. Das Wort von der Sintflut nicht als eines symbolträchtigen Bildes, sondern als eines realen Geschehens machte die Runde. Eine solche Haltung, natürliche Vorgänge religiös zu erklären, ist ein Ärgernis für die Vernunft. Sie schürt den alten Konflikt von Wissenschaft und Religion, anstatt beide als unterschiedliche sich aber ergänzende Betrachtungsformen der Wirklichkeit zu versöhnen und sie gemeinsam zum Wohle der Menschheit einzubringen. Ein solches Bestärken irrationaler Ängste führt nicht zu einer reifen Spiritualität, sondern zur Hysterie die sich, wie die Geschichte zeigt, nur allzu leicht in Gewalt gegen Andersgesinnte bahnbricht. Diese schnellen Erklärungsversuche sind im übrigen auch ein Zeichen der Instrumentalisierung von Ereignissen für eigene Zwecke und nicht von echtem Mitgefühl mit den Betroffenen.

 

Aus buddhistischer Sicht ist eine solche Naturkatastrophe zunächst Ausdruck des abhängigen Entstehens, wie es der Buddha als das Wesen der Realität gelehrt hat. Sie hat, wie alle Produkte, natürliche Ursachen und dahinter steht nach dieser Philosophie weder ein richtender Gott, noch der Zufall oder eine transzendente Realität jenseits der Welt. Auch die inneren Veranlagungen der Betroffenen spielen in diesem Prozeß eine Rolle, aber die sind auch bei Nicht-Betroffenen latent vorhanden und deshalb ist die Karmavorstellung keine Aufforderung, Menschen die Schuld an ihrem Leiden zuzuweisen. Das Auftreten von Erdbeben ist, wie uns die Wissenschaftler überzeugend belegen, nichts ungewöhnliches oder nur unsere Zeit betreffendes. Das Außergewöhnliche ist nur, daß dieses Beben in diesem Fall auf Umstände traf, die viel Leid auslösten. Diese Umstände, wie etwa die küstennahe Bebauung, haben aber mehr mit den Begehrlichkeiten des modernen Massentourismus und im Falle des Fehlens von Frühwarnsystemen mit der Missachtung des Schutzbedürfnisses auch armer Länder zu tun als mit dem Einwirken einer übernatürlichen Macht. Deshalb sollten wir natürlich überlegen, wie in Zukunft die negativen Wirkungen solchen absehbaren Geschehens durch vernünftiges Handeln vermindert werden können.

 

Religiös gesehen kann auch eine solche Katastrophe, wie jedes Leid, durchaus ein Katalysator für echte Spiritualität sein. Unser aller Vergänglichkeit wird uns angesichts der Bilder der überraschten Opfer, die teilweise sogar aus unserem Land kamen, nur zu deutlich vor Augen geführt. Diese Vergegenwärtigung kann uns in einem religiösen Zusammenhang wie dem Glauben an ein Leben nach dem Tod und an die Folgen der eigenen Taten zu einem moralischen Leben anhalten, das sich mit dem Wesentlichen – nämlich der spirituellen Entwicklung - und nicht ausschließlich mit oberflächlichen Zielen wie Besitz, Unterhaltung und Einfluß beschäftigt. Ein solches Ereignis kann uns daran erinnern, daß das menschliche Leben in einem größeren Zusammenhang steht und damit ein Streben nach Transzendenz und Erlösung bewirken. Als positiven Nebeneffekt des durch und durch tragischen Geschehens in Asien mag man anerkennen, daß ein neues Gefühl für die Verbundenheit der gesamten Menschheit sich in der gemeinsamen Trauer weltweit Bahn brach. Diese positiven Emotionen tragen den Keim der Einstellung des globalen Verantwortungsgefühls in der Weltgemeinschaft in sich, die der Dalai Lama so häufig fordert.

 

Diese zuletzt genannten Reaktionen sind Ansätze für einen konstruktiven, wahrhaft spirituellen Umgang mit den Katastrophen, von denen wir über die Medien hören. Was wir aber nicht brauchen, ist ein Rückfall in einen irrationalen Dogmatismus, der die Ängste der Menschen verstärkt, um sie für eigene Interessen auszunutzen. Ein konstruktiver Umgang mit dem Leid dagegen mag uns auch vor den tatsächlichen Bedrohungen des Überlebens der Menschheit schützen. Die Gefahr geht dabei nicht von einer Bestrafung durch Gott aus, sondern von dem verantwortungslosen und irrationalen Verhalten der Menschen ohne Geistesschulung.

 

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