
Sara-Ruth Schuhmann
Bereits in der Schöpfungsgeschichte, Bereschit 1:27 wird berichtet, dass der Mensch im Ebenbilde Gottes geschaffen wurde. Die Tora gibt in der Folge Weisung und Anweisung, die wir Juden am Sinai als Volk angenommen haben. Wir sprechen von 613 Ge- und Verboten. Die Freiheit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden, bleibt dem Einzelnen überlassen. Einen Zwang, fundamentalistische Versuche, diese Werte und Formen für die eigene Glaubensgemeinschaft und für alle Menschen in der Welt durchzusetzen, sieht die jüdische Religion nicht vor.
Im letzten Buch Mose, Dewarim 30:19 wird dies wiederholt und dokumentiert, mit den Worten:
...dass ich dir das Leben und den Tod, den Segen und den Fluch vorgelegt habe; so wähle denn das Leben
.
Es ist mit der Annahme der Tora unsere Mission, es ist der jüdische Auftrag, einen ethischen Monotheismus in dieser Welt zu verbreiten. Ein ethischer Monotheismus, vor dem Hindergrund eines religiösen und kulturellen Pluralismus. Der Prophet Micha (4: 1 - 5) beschreibt diese Vision einer besseren Zukunft, dass alle Völker zu unserem heiligen Tempel kommen werden um von unserem Vater Yaakov zu lernen, ihre Schwerter zu Pflugscharen verwandeln, und dass kein Volk gegen das andere sein Schwert erhebt und dass wir nie mehr lernen müssen Krieg zu führen. Und jedes der anderen Völker wird im Namen seines Gottes kommen.
Micha sagt auch, dass wir Juden der Welt zwar Ethik und Monotheismus bringen sollen und dass wir Gottes Gerechtigkeit, Frieden und Gnade lehren sollen. Aber dabei ist es für die anderen Nationen dieser Welt nicht wichtig, allen Geboten der Tora zu folgen. Während nach der traditionellen Auffassung wir Juden allen Geboten folgen müssen, wird von den Nichtjuden nur verlangt, 7 grundlegende ethische Gebote zu befolgen. (Verbot von Mord, Raub, Gotteslästerung, Götzendienst, Tierquälerei und Unzucht, sowie das Erstellen eines Rechtssystems. Jeder, der diesen 7 "noachitischen Geboten" folgt, gilt als ein Gerechter, egal mit welchem Namen er Gott anspricht oder welches Ritual er dazu befolgt.
Gerade in der letzten Woche zum Wochenabschnitt "Noach" wird von einem Zeichen gesprochen, durch das Gott die Welt schützt. Der Regenbogen, sieben verschiedene Farben, letzten Endes alle nur gebrochene Lichtreflektionen einer einzigen Farbe; ein Symbol für die verschiedenen Rituale und Namen, mit denen die verschiedenen Religionen den einen Gott anrufen.
In unserer Lehre heißt es, dass Gott in seiner Größe den Menschen als Einzelnen geschaffen hat. Keiner gleicht dem anderen, jeder ist eine Welt für sich. Es heißt: wer ein einziges Leben zerstört, der zerstört eine ganze Welt.
In der Mischna Sanhedrin 4, 3 nachzulesen ist:
wenn ein menschlicher König Münzen nach einer Vorlage prägt, dann werden alle Münzen identisch; aber der Heilige, gepriesen sei er, hat alle Menschen nach einem Adam geprägt und nicht einer von ihnen ist identisch mit einem anderen.
Unsere Tora und unser Glaube sind die absolute Antithese zu aggressivem, wahnhaftem, religiösen Fundamentalismus und zu politischem Faschismus. Unsere Botschaft heißt nicht:
Krieg, Gewalt und Uniformität. Die Tora ist für uns Juden die Weisung, den Nächsten zu lieben, Schöpfung zu schützen, an einer besseren Welt mit zu wirken. Hier und jetzt zu handeln.
Mit Hillel: Sei von den Schülern Aharons, Frieden liebend und nach Frieden strebend.
Unsere Botschaft, unser Auftrag ist Pluralismus, Frieden und Nächstenliebe.
Schließen möchte ich meinen kurzen Beitrag mit einem Gedanken, den der große Rabbiner Leo Beck in seinem "Glauben an die Menschheit" niedergeschrieben hat:
Es kann keine Menschheit geben ohne Menschengeschichte. Die Einheit des Menschengeschlechts beruht aber nur auf dem, was an ihm göttlich ist. Allen Menschen, welchem Volk und welcher Art sie angehören mögen, ist das gemeinsam, dass sie das Ebenbild Gottes sind, dass sie von ihm geschaffen sind, um zu schaffen,
das bloß Menschliche trennt sie, das Gute und Göttliche ist es, was sie alle verbindet.